Manche inneren Konflikte entstehen nicht, weil eine Seite falsch ist, sondern weil zwei berechtigte Wünsche gleichzeitig bestehen. Du möchtest vielleicht Sicherheit und Veränderung, Nähe und Freiheit oder Verlässlichkeit und mehr Raum für dich selbst. Solche Ambivalenzen können unangenehm sein und den Wunsch auslösen, möglichst schnell eine eindeutige Antwort zu finden. Resilienz kann aber auch bedeuten, Unsicherheit und widersprüchliche Bedürfnisse eine Zeit lang auszuhalten, bevor eine vorschnelle Entscheidung getroffen wird. Das Sowohl-als-auch ersetzt das Entscheiden nicht – es schafft zunächst Platz, beide Seiten ernst zu nehmen. Welche zwei berechtigten Seiten ziehen bei dir gerade in unterschiedliche Richtungen?
So geht’s
Formuliere einen aktuellen inneren Konflikt in zwei Sätzen: „Ein Teil von mir möchte …“ und „Gleichzeitig möchte ein anderer Teil …“ Suche anschließend nicht sofort nach einem Gewinner, sondern frage dich, welches Bedürfnis oder welcher Wert hinter jeder Seite steckt. Lass beide Antworten für einen Moment nebeneinander bestehen. Erst danach überlege, ob eine Entscheidung nötig ist – oder ob die Spannung vorerst ausgehalten werden darf.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Widersprüchliche Gefühle und Bewertungen können gleichzeitig auftreten und sind ein gut belegtes psychologisches Phänomen. Forschung zu Ambivalenz und dialektischem Denken zeigt zugleich, dass solche Zustände nicht grundsätzlich hilfreich sind und selbst belastend sein können. Das Sowohl-als-auch ist deshalb eine plausible Reflexionstechnik, die beide Seiten zunächst sichtbar macht – keine etablierte Methode zur Steigerung von Resilienz.
Quelle
Berrios, Totterdell & Kellett 2015; Li et al. 2021 zu Dialektizismus und Ambivalenz; Oh 2022.
Passende Resilienztipps
Entscheidungsmut: Der erste Entwurf

