Titel: Resilienz: Dein Kompass in ein neues Leben. Workbook
Autorin: Kristin Becker
Verlag: Kampenwand Verlag 2023

Eine Rezension

In ihrem Buch ‚Resilienz: Dein Kompass in ein neues Leben‘ beschreibt Kristin Becker Resilienz als Fähigkeit, die – ähnlich wie ein „Muskel“ (S. 15) oder das „Immunsystem“ (S. 17) – trainiert werden kann. Eine gestärkte Resilienz ermögliche nicht nur, Krisen besser zu bewältigen, sondern diene zugleich als Kompass, der einen „Transformationsprozess hin zu einem neuen Leben“ (S. 10) anleitet. Auf dieser Vorstellung einer grundlegenden Entwicklungsfähigkeit basiert Beckers Workbook, dessen vielfältige Reflexionsfragen und Übungen die Leser*innen dazu anregen sollen, diese innere Kraft aktiv zu entfalten. Die Autorin, die als selbständige Resilienz-Coach arbeitet, bündelt in diesem Buch die erfolgreichsten Methoden und Erfahrungen aus ihrer Praxis. Das Buch will weniger gelesen, als vielmehr bearbeitet werden; es ist als „täglicher Begleiter“ (S. 12) konzipiert und bietet durch freie Textfelder Raum, eigene Gedanken, Notizen und Erkenntnisse direkt festzuhalten. Ergänzt wird es durch Verlinkungen zu eigenen Podcastfolgen, die manche Themen vertiefen oder Übungen auditiv anleiten.

Resilienzarbeit zwischen Selbsterkenntnis und Selbststeuerung

Typisch für das Buch ist der reflexions- und umsetzungsorientierte Stil. Theoretischer Input, wie der Einstieg mit den sieben Resilienzfaktoren nach Reivich und Shatté, wird knappgehalten und immer mit Reflexionsfragen verknüpft, die Erkenntnisse und Transfer in die eigene Lebenspraxis liefern sollen. Auch wenn in der Kapitelstruktur nicht explizit ausgewiesen, folgen die Ausführungen der Coaching-Logik, die von der Ursachenanalyse zur Lösungsfindung führt. In Kapitel zwei wird eine ‚individuelle Bestandsaufnahme‘ angestrebt, die den Blick auf ursächliche Probleme freilegen soll. Gängige Problemfelder wie Gedankenspiralen, negative Glaubenssätze, mangelnde emotionale Kompetenz und Denkfallen werden dann prototypisch vorgestellt und durch (Reflexions-)Übungen vertieft.  Im dritten Kapitel wird die Titelmetapher aufgegriffen: Werte und Stärken sollen als Orientierung für eine sinnstiftende Lebensgestaltung dienen. Hier finden sich einige der stärksten Übungen des Buches: Die Auseinandersetzung mit persönlichen Werten, Stärkenprofilen und erfüllenden Tätigkeiten. Das vierte Kapitel widmet sich der nachhaltigen Übertragung in den Alltag durch Verstärker. Die von Beckert vorgestellte ‚Resilienz-Booster-Matrix‘ (vgl. S. 156ff.) unterscheidet vier Bereiche alltagspraktischer Routinen – Verbindung, Seele, Körper und Mentaltraining – und schlägt jeweils konkrete Aktivitäten vor. Das abschließende Kapitel bietet auf wenigen Seiten eine theoretische Vertiefung in Form eines Überblicks über den Forschungsstand zu Resilienz sowie kurzen Exkursen zu Stressbewältigung, Konfliktmanagement und Schlafhygiene.

Die Kompass-Metapher: Anspruch und Wirklichkeit

Becker greift auf ein breites Repertoire aus der Coaching-Praxis zurück – von NLP-Elementen über Achtsamkeit, Spiritualität bis hin zu therapeutischen Ansätzen und Methoden, wie dem ‚Yager Code‘. Gerade diese Vielfalt wird zugleich zur Schwäche des Buches, denn der rote Faden, der die Vielzahl an Übungen zu einem stimmigen Lernweg verbindet, fehlt. Viele der Methoden sind an und in sich sicher hilfreich, wirken in der Fülle und ohne ein integratives Modell oder eine klare didaktische Progression aber eher unübersichtlich und überfordernd. So bleibt gerade der Kompass als Leitmetapher des Buches unterentwickelt. Und zwar in doppelter Hinsicht.

Im Buch selbst fehlt eine klare Struktur und Systematik, die Leser*innen Orientierung bieten würden. Die Auswahl der Methoden wirkt eher von persönlichen Präferenzen der Autorin als von einer didaktischen Reduktion geleitet. Immer wieder werden Ansätze der Systematisierung durch eine Vielzahl willkürlich ausgewählter Übungen durchbrochen. Die Resilienz-Booster-Matrix beispielsweise ist eine tolle Idee, die Dimensionen werden allerdings nicht weiter begründet und statt die Aktivitäten von den Leser*innen selbst entwickeln zu lassen, stellt Becker ihre eigenen Favoriten vor. 

Unklar bleibt auch, inwiefern Resilienz als ‚Kompass für ein neues Leben‘ dienen kann. Beckers Arbeitsbuch hat das Ziel, Menschen für eine positive persönliche Transformation zu motivieren. Resilienz dient hier als konzeptionelle Schablone für eine vage Fähigkeit, Kraft für diesen Veränderungsprozess zu generieren. Resilienz ist insofern die Kompetenz, auf Kurs zu bleiben oder diesen wiederzufinden, und nicht das Navigationstool, also der Kompass, selbst. Resiliente Menschen nutzen zum Navigieren bewusst oder unbewusst verschiedene Tools und einige davon werden im Buch vorgeschlagen und erläutert. Resilienz ist in diesem Sinne eher Resultat, ist die Könnerschaft des Navigierens, für die es letztlich neben einem ‚Kompass‘ auch weitere Hilfsmittel braucht.

Fazit: Ein anregender Werkzeugkasten zum (Selbst-)Coaching

Insgesamt ist Beckers Buch also weniger ein Kompass als vielmehr ein Werkzeugkasten. Es eignet sich vor allem für Menschen, die bereits mit Resilienzarbeit vertraut sind oder in einem Coaching-Kontext gezielt einzelne Methoden aufgreifen möchten. In dieser Funktion – als Begleitmaterial, aus dem man sich gezielt Übungen herausgreift – kann das Buch durchaus wertvoll sein. Es vermittelt spürbar, dass Resilienz trainierbar ist und dass persönliche Veränderung mit kleinen, konkreten Schritten beginnen kann. Beckers Workbook ist ein sympathischer Beitrag zur Resilienzliteratur: praxisnah, vielseitig und getragen von der ehrlichen Absicht, Menschen zu stärken.

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