Eine Rezension
Titel: Resilienz – So entwickeln Sie Widerstandskraft und innere Stärke
Autorin: Dr. med. Mirriam Prieß
Verlag: Goldmann Verlag, 6. Auflage, 2019
In ihrem Buch über Resilienz untersucht Mirriam Prieß, Ärztin für Psychosomatik und Coach für Burnout-Prävention, die Gründe dafür, weshalb manche Menschen sich in Krisen erschöpfen und andere diese überstehen oder sogar noch gestärkt daraus hervorgehen. Resilienz, verstanden als psychische Widerstandskraft und innere Stärke, macht den Unterschied und wird angesichts der Zunahme psychischer Belastungsfaktoren und Erkrankungen immer wichtiger.
Resilienz als erlernbare Fähigkeit
Prämisse und Pointe des Buches ist die Annahme, dass Resilienz auf der Fähigkeit beruht, stimmige Beziehungen zu gestalten. Diese Beziehungsfähigkeit ist für Prieß letztlich keine Frage angeborener Persönlichkeitseigenschaften oder verhaltensgesteuerter Selbstoptimierung, sondern eine dynamische und erlernbare Komponente und letztlich eine Frage der Frage der Haltung „dem Leben, den Menschen und sich selbst gegenüber“ (S. 10). Statt Einübung bestimmter Handlungs- und Denkmuster oder Ausübung spezieller Techniken, proklamiert Prieß deshalb den Dialog als entscheidenden Faktor für das Gelingen von Beziehungen und damit als Basis von Resilienz. Dialog wiederum, so die Autorin, finde nur statt in der authentischen Begegnung mit sich selbst und der Welt.
Die Argumentationslinie; Beziehung als Grundlage des Lebens, gelingender Dialog als Basis für Beziehungen, echte Begegnung mit sich selbst und anderen als Voraussetzung für Dialog, ist ebenso nachvollziehbar wie stringent und wird im Buch anhand vieler Beispiele aus der Beratungspraxis mit Individuen, Teams und Organisationen überzeugend dargelegt. Das sich daraus ergebende Dialogmodell erlaubt nicht nur eine Analytik der Genese von Erschöpfungszuständen, sondern liefert auch Grundprinzipien zur Stärkung der Resilienz.
Das Dialogmodell – Ebenen, Phasen, Dimensionen
Um gesund und resilient zu sein, braucht es also einen gelingenden Dialog im wörtlichen Sinne eines Austauschs, als „Wechsel aus Geben und Nehmen“ (S. 57) bzw. als „Wechsel aus Ich und Du“ (ebd.). Dieser Austausch findet innerhalb und zwischen vier Ebenen menschlicher Existenz statt: Körper, Gedanken, Emotionen und Verhalten. Ist der Dialog gestört, führt dies zu unterschiedlichen Symptomatiken auf den verschiedenen Ebenen, die Prieß anhand ihres Schweregrads und ihrer Chronifizierung in vier verschiedene Phasen (Alarmphase, Widerstandsphase, Erschöpfungsphase, Rückzugsphase) unterteilt. Während dieses Verlaufsmodell mithilfe anekdotischer Beispiele ausführlich beschrieben wird, bleibt das Strukturmodell der verschiedenen Ebenen, insbesondere mit Blick auf die Zusammenhänge von körperlichen, mentalen, emotionalen und verhaltensbezogenen Faktoren sowie die Frage der Ausgestaltung eines gelingenden Dialogs zwischen diesen weitgehend im Dunkeln. Erhellend wiederum ist die Differenzierung zwischen zwei Dimensionen des Dialogs, dem inneren Dialog in Beziehung mit sich selbst und dem äußeren Dialog in Beziehung zu seinen Mitmenschen und seiner Umwelt.
Die Beziehung zu sich selbst – der innere Dialog
Tiefenpsychologisch fundiert argumentiert Prieß, dass unsere Wahrnehmung von Geschehnissen entscheidend durch unsere ‚innere Realität‘ geprägt ist. Damit sind nicht nur allgemeine, sozialisationsbedingte Denkschemata und Wertmaßstäbe gemeint, sondern insbesondere unbewusste und unverarbeitete Glaubenssätze und Prägungen. Ein gelingender innerer Dialog führt zum Erkennen und Überwinden dieser oftmals einschränkenden Prämissen und damit ebenso zu einem direkteren Kontakt zu sich selbst, wie zu einer verbesserten Dialogfähigkeit im Außen.
Die Beziehung zu anderen – der äußere Dialog
Als soziale Wesen sind es neben dem inneren Dialog ebenso die Beziehungen untereinander, die sich als belastende oder stärkende Faktoren auf das eigene Erleben auswirken. Um diesen äußeren Dialog gelingend zu gestalten, betont Prieß die Relevanz allgemein bekannter Kommunikationsprinzipien (Offenheit, Augenhöhe, Interesse, Empathie, Respekt, Wertschätzung etc.). Diese Prinzipien gekonnt ein- und umzusetzen ist ebenso Voraussetzung wie Folge von Resilienz. Voraussetzung, weil Resilienz sich nur im inneren und äußeren Dialog entwickeln kann und Folge, weil Resilienz im Sinne einer hohen Dialogfähigkeit zu gelingenden Beziehungen mit sich und anderen entscheidend beiträgt.
Entscheidender Vorteil des Dialogmodells ist, dass sich dieses ebenso auf Individuen, Teams und Organisationen anwenden lässt. So wird Resilienz im Sinne auch als Erfolgsfaktor für soziale Systeme sichtbar und gestaltbar. Das ‚10-Stufenprogramm zur Krisenbewältigung‘ (nicht prägnant und griffig genug) sowie der ‚12-Punkte-Selbsttesst‘ zur Bestimmung der eigenen Resilienz (zu oberflächlich in der Analyse und zu wenig aussagekräftig in der Auswertung) sind angesichts der zentralen und überzeugenden Grundbotschaften dagegen eher marketingorientiertes Beiwerk.
Authentizität als Schlüssel
Das Buch lädt dazu ein, die persönlichen Einstellungen zu sich selbst, zu anderen und zum Leben zu reflektieren und bei Bedarf neu zu justieren. Es offeriert eine ermunternde und ermutigende Botschaft, die Resilienz nicht als gegebene Eigenschaft ansieht, sondern als lebendigen und gestaltbaren Prozess, als „Weg zu sich selbst“ (S. 12). Insbesondere der Aspekt der Authentizität wird dabei als zentrale Ressource für Resilienz angesehen. Denn: „Kraft entsteht dort, wo Begegnung stattfindet – Begegnung mit Wahrheit und dem Wesentlichen“ (S. 199).
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