Titel: Resilienz – mit Achtsamkeit zu mehr innerer Stärke
Autor: Dr. Christian Stock
Verlag: TRIAS Verlag, 1. Auflage, 2019
Eine Rezension
Dr. Christian Stock, Psychotherapeut sowie Facharzt für innere und psychotherapeutische Medizin, versteht unter Resilienz die Fähigkeit, mit Widerständen, Belastungen und Krisen konstruktiv sowie wachstumsorientiert umzugehen. In dem Buch verknüpft er aktuelle Erkenntnisse aus der Resilienzforschung mit Ansätzen der Achtsamkeitspraxis – insbesondere aus dem Bereich der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR). Statt durch konzeptionelle Durchdringung, geht Stock den Nachweis, dass es sich bei Achtsamkeit und Resilienz nicht nur um die Verbindung zweier ‚Modethemen‘ handelt, über den praktischen Weg an. In dem umfangreichen Übungs- und Reflexionsprogramm des Buches wird erkennbar und erfahrbar, dass die persönliche Widerstandskraft durch Achtsamkeit gesteigert werden kann und umgekehrt die Förderung von Resilienzfaktoren zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst und der Welt führt. Dieser Zusammenhang wird im Buch eher implizit entfaltet. Weil es durchaus lohnenswert erscheint, soll hier ein kurzer vertiefender Blick auf die beiden Konzepte geworfen und deren komplementäre Beziehung deutlich gemacht werden.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Achtsamkeit und Resilienz
Die Gemeinsamkeit der beiden Konzepte beruht zunächst auf dem zentralen Anliegen „den Umgang mit Leiden zu erleichtern“ (S. 21). Dabei setzen sowohl Achtsamkeit als auch Resilienz nicht auf Vermeidung oder Verdrängung, sondern auf den bewussten und integrativen Umgang mit unangenehmen Situationen (Stress, Krisen, Konflikte etc.). Die Bewältigungsstrategien hierzu ähneln sich teilweise, gehen aber von unterschiedlichen Blickwinkeln und Ansatzpunkten aus. Das Resilienzkonzept ist eher handlungsorientiert und bezieht systemisch auch die Umwelt (Schutz- und Risikofaktoren) in die Betrachtung mit ein. Das Achtsamkeitskonzept ist eher haltungsorientiert und konzentriert sich auf körperliche Wahrnehmungsvorgänge und mentale Interpretationsprozesse der einzelnen Person.
Deutlich wird dies bereits daran, dass Resilienz unter dem Lemma der ‚Resilienzfaktoren‘ zumeist in Form von Handlungsempfehlungen diskutiert wird. In dieser Hinsicht am weitesten verbreitet sind die zehn Faktoren der American Psychological Association (APA), auf die sich auch Stock in seinem Buch bezieht (vgl. S. 26ff.). Vor diesem Hintergrund erscheint Resilienz als ein auf die Zukunft ausgerichtetes (Trainings-)Programm zur Bewältigung von krisenhaften Erlebnissen. In der Achtsamkeitsliteratur werden eher ‚Grundprinzipien‘ formuliert. Stock betont in seinem Buch beispielsweise Präsenz, Akzeptanz, Loslassen, Urteilsfreiheit usw. (vgl. S. 1ff.5). Der Fokus bei Achtsamkeit liegt ganz auf der Gegenwart und mehr auf der Wahrnehmung und Veränderung der Innenwelt als der Bewältigung im Außen. Beide Aspekte, die Haltung und die Handlung, das Innen und das Außen, bedingen sicher aber wechselseitig und können synergetisch zusammenwirken.
Komplementäre Beziehung von Achtsamkeit und Resilienz
Für Stock geht es darum, die Entwicklung von Resilienz durch Achtsamkeit zu fördern und dazu bietet er im Buch eine ganze Reihe passgenau abgestimmter und aufeinander aufbauender Reflexions-)Übungen an. Eine dergestalt gesteigerte Achtsamkeit hilft bei der Stressregulation, ermöglicht die Aufdeckung eingefahrener Interpretationsmuster und stärkt das Selbstmitgefühl. Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Der lebensweltliche und handlungsorientierte Fokus des Resilienzkonzepts ermöglicht auf der anderen Seite die Übertragung in zielgerichtetes Verhalten. Denn Resilienz entfaltet sich erst in der aktiven Auseinandersetzung mit realen Belastungen, im Lern- und Veränderungsmodus. Und so verschränken sich Achtsamkeit und Resilienz in einem wechselseitigen Steigerungsverhältnis.
Fazit: Ein achtsames Arbeitsbuch
Das Buch ist nicht nur inhaltlich stringent aufgebaut, sondern auch einheitlich, ansprechend und aufwendig illustriert. Die eingängige Sprache und das harmonische Design laden zum Schmökern ein. Im Kern handelt es sich aber um ein wirkliches ‚Arbeitsbuch‘. Es richtet sich an Menschen, die Interesse an achtsamkeitsbasierter Selbstentwicklung haben, weniger an diejenigen, die nach einer rein theoretischen Abhandlung suchen. Die praktischen Übungen, Reflexionsimpulse und Interventionen, die sich inhaltlich an den zehn Resilienzfaktoren der APA ausrichten, sind umfangreich und tiefgreifend. Das am Ende des Buches vorgestellte 10-Wochen-Programm, auch wenn sinnvollerweise nach unterschiedlichen Zeitbudgets untergliedert, ist aufwendig und erfordert ein hohes Maß an Motivation und Commitment. Wer sich auf diesen Weg einlässt und ihn konsequent verfolgt, wird seine Widerstandskraft gestärkt haben – und gleichzeitig feststellen, dass die ‚Reise‘ auch nach Ende des Buches weitergeht.
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