Eine Rezension
Titel: Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft Was uns stark macht gegen Stress, Depression und Burn-Out
Autorin: Dr. Christina Berndt
Ausgabe: dtv, überarb. und akt. Neuausgabe 2024
In ihrem bereits 2013 erstmalig erschienenen Buch über Resilienz geht Christina Berndt, promovierte Biochemikerin, dem ‚Geheimnis der psychischen Widerstandskraft‘ nach. Ganz im Stil einer Wissenschaftsjournalistin bereitet sie dabei instruktive Forschungsergebnisse für ein breites Publikum auf und fasst diese anschaulich und verständlich zusammen. Ein geeigneter Einstieg in die Thematik, ein umfassender Überblick über die aktuelle Forschungslage und ein insgesamt leichtgängiges und informatives Leseerlebnis.
Angesichts der subjektiven Zunahme an Stress und Krisenerlebnissen in unserer modernen Leistungs- und Multioptionsgesellschaft gehe es für Berndt darum, „Hornhaut auf der Seele“ (S. 11) zu entwickeln. Diese, aus meiner Sicht eher unglückliche[1] und unpassende[2] Metapher, will zum Ausdruck bringen, dass nicht Vermeidung oder Flucht, sondern ein lern- und wachstumsorientierter Umgang mit Widrigkeiten das Ziel von Resilienz ist. Erste Einblicke, wie das gelingen kann und welche Eigenschaften dabei eine Rolle spielen, werden zu Beginn des Buches an unterschiedlichen biographischen Episoden gewonnen. Von dieser individuellen Perspektive und anekdotischen Evidenz wechselt Berndt im Hauptteil des Buches zu einer stark forschungsbezogenen Ausdeutung.
Dabei werden unterschiedliche Forschungsfelder, von der Neurobiologie und Genetik, über die Psychologie und Medizin, bis hin zur Soziologie und Pädagogik mit einbezogen. Die dargestellten Ergebnisse zeichnen ein Bild, in dem Resilienz sich nicht einseitig auf Persönlichkeitseigenschaften (z.B. Optimismus, Selbstvertrauen, Frusttoleranz, Intelligenz) oder Umwelteinflüsse (z.B. Bindung, lernförderliche Umgebung, gezielte Unterstützung) reduzieren lässt, sondern sich in einem kontingenten Zusammenspiel all dieser Faktoren herausbildet. Das zeigt sich auch in der Bedeutungszunahme der Epigenetik, welche die wechselseitige Einflussnahme von Genen und Umwelteinflüssen untersucht. Die Debatte um ‚nature vs. nurture‘, die sich längst von einem entweder/oder zu einem sowohl/als auch entwickelt hat, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch. Auch in den abschließenden eher praxisorientierten Kapiteln zur Förderung der Resilienz in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter. Dabei wird deutlich: Resilienz kann nicht nur ein Leben lang trainiert werden, sondern nimmt im Lebensverlauf in dem Maße sogar tendenziell zu, wie wir uns selbst besser einschätzen lernen, auf unseren Stärken aufbauen und durch die Überwindung von Krisen gezielte Bewältigungsstrategien entwickeln.
Genau diese Perspektive, dass Resilienz auch als Strategie angesehen werden kann, wie man mit Schwierigkeiten umgeht, kommt am Ende leider etwas zu kurz. Auch der abschließende Rundumschlag an hilfreichen Hinweisen für den Alltag bleibt eher oberflächlich. Aber Berndt legt hier auch keinen Ratgeber vor, sondern ein sehr gut recherchiertes populärwissenschaftliches Handbuch über zentrale Erkenntnisse bisheriger Resilienzforschung. Wer mit dem Thema Resilienz bereits vertraut ist, wird hier nichts fundamental Neues erfahren, aber mit Sicherheit noch die ein oder andere Einsicht gewinnen. Das im Titel versprochene ‚Geheimnis‘ hingegen sucht man beim Lesen vergeblich. Das liegt letztlich auch daran, dass es das Geheimnis ebenso wenig gibt, wie die Resilienz-Eigenschaft oder das Patentrezept zu ihrer Entwicklung. Vielmehr macht das Buch deutlich, wie multifaktoriell und facettenreich, wie individuell und dynamisch das Phänomen Resilienz tatsächlich ist.
[1] Beim Wort ‚Hornhaut‘ entstehen einfach keine schönen Bilder im Kopf.
[2] Es passt nicht ganz zur wissenschaftlichen Grundlegung des Buches, dass Berndt als Synonym für Resilienz bevorzugt von der umgangssprachlichen ‚Seele‘ spricht. Das verwässert das Verständnis von Resilienz und verfälscht den metaphysischen Begriff der Seele.
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